Drei Jahre bidirektionales Laden im Projekt Storebility2Market: Was wir dabei gelernt haben!

Storebility2Market war nie ein klassisches Forschungsprojekt. Unser Anspruch war es, bidirektionales Laden unter realen Bedingungen zu testen und über knapp 3 Jahre praktische Erfahrungen zu sammeln – mit echten Ladestationen, unterschiedlichsten Serienfahrzeugen, integriert in echte Gebäude mit PV-Anlagen, Stromspeichern und Energiemanagementsystemen und mich echten NutzerInnen. Die wichtigsten Erkenntnisse!

Storebility2Market war nie ein klassisches Forschungsprojekt. Unser Anspruch war es, bidirektionales Laden unter realen Bedingungen zu testen und über knapp 3 Jahre praktische Erfahrungen zu sammeln – mit echten Ladestationen, unterschiedlichsten Serienfahrzeugen, integriert in echte Gebäude mit PV-Anlagen, Stromspeichern und Energiemanagementsystemen und mich echten NutzerInnen.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • 🚗 Die Technik funktioniert – das dahinterliegende Ökosystem noch nicht.
  • 🔌 Das Angebot in Österreich bleibt klein. Schlüsselfertige Gesamtlösungen fehlen weitgehend.
  • 🏠 Die Integration in bestehende Anlagen ist oft komplexer als erwartet. PV, Speicher und Wallbox müssen zuverlässig miteinander arbeiten.
  • ⚖️ Diverse Unsicherheiten z. B. bei Netzanschluss, kompatiblen Fahrzeugen und Garantie machen ProjektwerberInnen und Professionisten das Leben schwer.
  • 💬 Kompetente Beratungsangebote sind schwer zu finden. Wissensaufbau bei Autohändlern und Elektrikern ist für die weitere Verbreitung entscheidend.
  • ⚡ Viele Verkaufsversprechen sind deutlich optimistischer als die Praxis. Marketingversprechen wecken Erwartungen, die in der Praxis (aktuell) nicht immer erfüllt werden (können)
  • Das größte Potenzial liegt nicht im klassischen „PV-Heimspeicher“, sondern in intelligenten, standortübergreifenden Flexibilitätsstrategien

Unser Fazit: Nicht die Technik ist heute der (primäre) Engpass – sondern Standards, Wirtschaftlichkeit, Systemintegration, Wissen,…

Doch der Reihe nach…

Erkenntnis 1: Technisch ist vieles möglich. Im Alltag muss das Gesamtsystem funktionieren.

Die grundsätzliche Frage, ob ein Elektroauto Energie wieder abgeben kann, konnten wir in unseren Tests eindeutig beantworten. Laden und Entladen funktionieren mit unterschiedlichen Kombinationen aus Fahrzeug und Ladestation. Die entscheidenden Schwierigkeiten zeigen sich häufig erst beim nächsten Schritt: beim zuverlässigen Betrieb und bei der Einbindung in das Energiesystem.

Eine Ladestation muss Leistungsvorgaben umsetzen, mit dem Energiemanagement kommunizieren und die Anforderungen der vorgesehenen Anforderungen erfüllen. Ein erfolgreicher Entladevorgang allein sagt darüber noch wenig aus.

Das zeigen auch unsere Tests: Von elf untersuchten DC-Ladestationen von neun Herstellern erfüllte nur eine alle Erwartungen vollständig. Bei den anderen reichten die Schwierigkeiten von ausständigen Softwareupdates bis zu nicht vorhandenen oder nicht funktionierenden Schnittstellen. Viele konnten Energie aus dem Fahrzeug entladen, waren aber nur eingeschränkt in ein Gesamtsystem integrierbar.

Wie zuverlässig folgt die Ladestation dem Energiemanagement? Diese Messung zeigt Verzögerungen und Abweichungen bei wechselnden Leistungsvorgaben. Solche Details entscheiden mit über den Nutzen im Betrieb.

Erkenntnis 2: Zwischen Produktankündigung und schlüsselfertigem Angebot liegt noch viel Arbeit

Bidirektionales Laden ist in der öffentlichen Diskussion längst angekommen. Das Angebot, das Kund:innen tatsächlich nutzen können, bleibt nach unserer Projekterfahrung in Österreich überschaubar. Vor allem schlüsselfertige Lösungen fehlen weitgehend.

Für Interessierte ist die Auswahl deshalb mit entsprechendem Aufwand verbunden. Sie müssen klären, welches Fahrzeug mit welcher Ladestation zusammenarbeitet, welche Funktionen verfügbar sind und wer die Verantwortung für die Umsetzung übernimmt. Dazu kommen Fragen zu Garantie, Netzanschluss und Integration in die vorhandene Anlage.

Einzelne passende Komponenten ergeben noch kein einfach nutzbares Angebot. Für einen breiteren Markt braucht es Lösungen, bei denen diese Fragen bereits vor dem Kauf nachvollziehbar beantwortet sind.

Erkenntnis 3: Die Integration in bestehende Anlagen wird häufig unterschätzt

Eine bidirektionale Ladestation als Einzelsystem lässt sich technisch umsetzen. In einem Gebäude trifft sie allerdings oft auf eine bestehende PV-Anlage, einen Batteriespeicher und weitere steuerbare Verbraucher. Diese Komponenten müssen aufeinander abgestimmt arbeiten.

Bei Geräten eines Herstellers kann das (in der Regel) vorhandene Energiemanagement diese Aufgabe übernehmen. Bei gemischten Anlagen braucht es häufig ein zusätzliches System mit passenden Schnittstellen zu allen beteiligten Komponenten. Das erhöht die Kosten und den Aufwand für Installation und Inbetriebnahme.

Unsere Erfahrungen zeigen, wie schnell dabei auch vermeintliche Kleinigkeiten zum Hindernis werden: fehlende Netzwerkkenntnisse, eingeschränkte Zugänge oder Schnittstellen, die weniger ermöglichen als erwartet. Für Kund:innen zählt am Ende, ob sie die Anlage zuverlässig nutzen können. Dazu gehört die Einrichtung der Kommunikation ebenso wie der elektrische Anschluss.

Erkenntnis 4: Auch die gefühlte regulatorische Unsicherheit bremst den Markt

„Aber das ist doch in Österreich gar nicht erlaubt!“ Diese Aussage begegnete uns im Projekt immer wieder. Sie zeigt, wie groß der Informationsbedarf noch ist.

Unsere Einordnung aus dem Projekt lautet: Bidirektionales Laden ist in Österreich rechtlich möglich, wenn die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu zählen insbesondere die Anforderungen des Netzbetreibers und der TOR. Bei einer Rückspeisung ins öffentliche Netz kann auch eine Anpassung des Einspeisevertrags erforderlich sein. Zusätzlich müssen die Freigaben und Garantiebedingungen des Fahrzeugherstellers zur vorgesehenen Nutzung passen.

Diese Fragen sind relevant und müssen für die konkrete Lösung geklärt werden. Pauschale Aussagen helfen dabei wenig. Im Projekt entsprachen fünf von neun technisch funktionierenden Ladestationen den TOR. Technische Funktion und Eignung für den vorgesehenen Netzanschluss müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden.

Es braucht verständliche Informationen und nachvollziehbare Abläufe, damit Installateur:innen und Kund:innen wissen, welche Schritte erforderlich sind. Mehr zum Thema bietet unser Beitrag zum Netzanschluss bidirektionaler Ladestationen.

Erkenntnis 5: Marketing und tatsächliche Nutzbarkeit liegen teilweise weit auseinander

Bezeichnungen wie „bidi ready“ wecken hohe Erwartungen. Für eine Kaufentscheidung bleibt jedoch oft unklar, was damit konkret gemeint ist. Welche Funktionen sind bereits freigeschaltet? Mit welchen Fahrzeugen wurden sie erprobt? Welche Betriebsarten sind vorgesehen und von der Herstellergarantie abgedeckt?

In unseren Tests spielte das Entladen über herstellerspezifische Protokolle eine wesentliche Rolle. Normkonformes Entladen nach ISO 15118-20 konnten wir im Projekt mangels entsprechender Serienfahrzeuge im Testumfang noch nicht prüfen. Das verdeutlicht, warum die beworbene Fähigkeit eines einzelnen Produkts noch keine verlässlich nutzbare Kombination aus Fahrzeug und Ladestation garantiert.

Mehr Transparenz würde hier viel bewirken: klare Kompatibilitätsangaben, nachvollziehbare Freigaben und eine verständliche Darstellung der tatsächlich verfügbaren Funktionen. Das würde auch die Beratung im Autohaus und bei der Elektroinstallation erleichtern.

Erkenntnis 6: Ein Elektroauto ist nicht automatisch ein sinnvoller Haushaltsspeicher

Eine große Fahrzeugbatterie macht es technisch möglich, ein Gebäude über längere Zeit mit Energie zu versorgen. Ob das im jeweiligen Alltag sinnvoll ist, hängt jedoch stark vom Mobilitätsprofil, vom Wirkungsgrad und von der vorhandenen Anlage ab.

Das Fahrzeug muss angeschlossen sein, wenn Energie gespeichert oder bereitgestellt werden soll. Ein bereits vorhandener stationärer Speicher verändert die Aufgabe zusätzlich. Für die Bewirtschaftung ist deshalb entscheidend, welchen konkreten Beitrag das Auto leisten soll.

Die Projektergebnisse zeigen sowohl Potenziale als auch diese Abhängigkeiten. Beim Autohaus Gmeiner reduzierte eine Simulation die Lastspitze von 49,4 auf 43,9 kW. Der gewählte Grenzwert und die Verfügbarkeit des Fahrzeugs waren dafür wesentlich. Für den Sonnenplatz Großschönau ergaben Simulationen jährlich bis zu 8.000 kWh im Auto gespeicherte Energie, ebenfalls mit hoher Abhängigkeit vom Mobilitätsprofil. Beide Ergebnisse beziehen sich auf die untersuchten Szenarien.

Der Nutzen hängt vom Alltag ab: Die Wochensimulation zum PV-Überschussmanagement zeigt, wie Energieflüsse, Ladezustand und Fahrzeugverfügbarkeit zusammenhängen.

Besonders interessant erscheinen uns deshalb intelligente, standortübergreifende Strategien. Auf Firmen- und Pendler:innen-Parkplätzen könnten Fahrzeuge auch während jener Stunden eingebunden werden, in denen sie zu Hause fehlen. Flexible Tarife und netz- oder systemdienliche Anwendungen eröffnen weitere Möglichkeiten.

Vehicle-to-Grid sehen wir mittelfristig als besonders vielversprechende Option. Dafür braucht es passende wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Angebote, die sich im Alltag bewähren. Gesteuertes Laden bleibt ein wichtiger Zwischenschritt, auf dem weiterführende Anwendungen aufbauen können.

Erkenntnis 7: Wissen und Beratung werden zum entscheidenden Erfolgsfaktor

Bidirektionales Laden verbindet Fahrzeugtechnik mit Elektrotechnik, Gebäudeautomation und Software. Genau an diesen Übergängen entstehen viele offene Fragen. Autohändler sollen Auskunft zu Ladestationen und Garantiebedingungen geben. Elektriker:innen müssen sich zusätzlich mit Netzwerken, Schnittstellen und Energiemanagement auseinandersetzen.

Unsere Erfahrungen zeigen einen erheblichen Bedarf an Weiterbildung und an besserer Zusammenarbeit zwischen diesen Bereichen. Kund:innen brauchen Ansprechpartner:innen, die den gesamten Anwendungsfall verstehen und die Umsetzung begleiten können.

Als Unterstützung haben wir im Projekt eine Checkliste für Projektwerber:innen und Professionist:innen erarbeitet. Sie hilft dabei, die wesentlichen Fragen zu Fahrzeug, Garantie, Schnittstellen, Netzanschluss und Installation vorab zu klären.

Unser Fazit

3 Jahre Storebility2Market – und nach wie vor (oder besser gesagt, mehr denn je) sehen wir bidirektionales Laden als eine Technologie mit großem Potenzial, deren breite Alltagstauglichkeit noch Arbeit erfordert. Erfolgreiche Anwendungen sind bereits möglich. Für eine selbstverständliche Nutzung fehlen vielerorts noch einfach kombinierbare Produkte, kompetente Beratung und überzeugende Betriebsstrategien.

Die nächsten Schritte müssen deshalb das gesamte System betreffen: Standards und Schnittstellen, passende regulatorische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die praktische Umsetzung vor Ort. Besonders viel versprechen wir uns von Ansätzen, die Fahrzeuge an unterschiedlichen Standorten als Flexibilität in das Energiesystem einbinden.

Die entscheidende Frage für die nächste Phase lautet: Wie wird aus den vorhandenen technischen Möglichkeiten eine Lösung, die Menschen einfach und sinnvoll nutzen können?

Das Projekt „Storebility2Market – Evaluierung und Demonstration der energiewirtschaftlichen und -technischen Potenziale von bidirektionalem Laden“ wurde im Rahmen der 6. Ausschreibung des Programms „Zero Emission Mobility“ durch den Klima- und Energiefonds gefördert.

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